Die französischen Wahlen und ihr Einfluss auf die Finanzmärkte

April 19, 2017 17:00

Die französischen Wahlen und ihr möglicher Einfluss auf die Finanzmärkte

Am 18. März gab der französische Verfassungsrat bekannt, dass ganze 11 Kandidaten die Bedingungen für die Teilnahme an der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen, geplant für den 23. April, erfüllen.

Der Verfassungsrat verkündete, dass die Kandidaten der ersten Runde aus François Fillon (Republikaner); Benoît Hamon (Sozialistische Partei); Emmanuel Macron ("En Marche!"); Nicolas Dupont-Aignan (France Arise); Jean-Luc Mélenchon (Linke Partei); Nathalie; Arthaud (Workers' Struggle); Marine Le Pen (National Front); François Asselineau (Popular Republican Union); Philippe Poutou (Neue Antikapitalistische Partei); Jean Lassalle (Résistons!) und Jacques Cheminade ("Solidarity and Progress") bestehen.

Unter all diesen Kandidaten liegt der Fokus insbesondere auf Emmanuel Macron, Marine Le Pen und François Fillon.

Die französischen Präsidentschaftswahlen haben großen Einfluss auf die Entwicklungen der Finanzmärkte. Laut offizieller Umfragen haben dabei ganz speziell Marine Le Pen, Vorsitzende des rechtspopulistischen Front National, und Emmanuel Macron gute Chancen in die zweite Wahlrunde zu gelangen. Was, wenn Le Pen als Sieger aus den Wahlen hervorgeht? Wie wird sich das auf die französische Wirtschaft und den Euro ausüben?

Vorläufige Umfragedaten, wie sie am 29. März aufgenommen wurden, zeichnen ein Stimmenverhältnis von 60/40 für Fillon/Le Pen ab, entgegen den zuvor festgestellten 58/42. In der ersten Runde der Umfragen, in welcher das Verhältnis zwischen Le Pen/Macron/Fillon festgestellt werden sollte, ergab 25/25/20 - nach einem vorherigen Ergebnis von 26/24/20. Alles in Allem scheint das Momentum für Le Pen nachzulassen. Quelle: Forexlive.com

Meine persönliche Vermutung lautet, dass kein eindeutiger Sieger aus der ersten Wahlrunde hervorgehen wird. Es wäre möglich, dass Marine Le Pen die erste Runde gewinnt, aber wenn in den französischen Wahlen kein Kandidat eine Mehrheit von mehr als 50% aller Stimmen erreicht, so wird die zweite Wahlrunde zwischen den zwei Kandidaten mit den meisten Stimmen für eine Entscheidung sorgen.

Momentane Statistiken zeigen, dass Marine Le Pen und Emmanuel Macron das Rennen anführen. Allerdings deuten Prognosen an, dass Macron die zweite Runde gegen Le Pen wahrscheinlich gewinnen würde - die aktuellsten Umfragen sprechen hier von einem zu erwartenden Verhältnis von 61 Prozent für Macron und 39 Prozent für Le Pen.

Ein überraschender Einflussfaktor geht von Kandidat Jean-Luc Mélenchon aus, welcher einen verblüffenden Anstieg an Popularität erfuhr - von ca. 10% der Umfragen-Stimmen im Februar auf 18% bei Bloombergs letzten Umfragen. Dadurch steht Mélenchon so ziemlich gleichauf mit dem republikanischen François Fillon's, der 18.5% erreichte. Dieser letztliche Zuwachs für Mélenchon, sowie die Unnachgiebigkeit des diffamierten Fillon, haben den Wettbewerb definitiv ausgeweitet.

Das Fehlen eines strukturierten Haushaltsrahmens

Ein besonders interessanter Aspekt der französischen Präsidentschaftswahlen findet sich darin, wie gerade François Fillon und Emmanuel Macron sehr vorsichtig Ihre Haushaltsrahmen für die kommenden fünf Jahre ausgelegt und präsentiert haben.

Wahrscheinlich haben sie nicht vergessen wie die übermäßig optimistischen wirtschaftlichen Prognosen von François Hollande, während seiner Kampagne 2012 völlig realitätsfern waren, was meiner Meinung nach katastrophale wirtschaftliche Konsequenzen nach sich zieht. Vom derzeitigen Präsidenten wurde ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 2% in 2014 erwartet. Was aber tatsächlich zwischen 2014 und 2016 erreicht wurde, waren nur 0.9%.

In Hinsicht auf Staatsschulden, war das Ziel gesetzt gegen 2017 bei 0% anzukommen, laut den offiziellen Voraussagen, wird es sich dabei aber eher um 2.7% handeln. Aus mangelndem Verständnis über die wirtschaftliche Situation hat Hollande damit begonnen eine unangemessene Wirtschaftspolitik zu implementieren, bevor er gezwungen war, unter Druck durch die EU-Kommission massive Steuererhöhungen durchzusetzen.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines EU-Austritts sind schwer zu messen

Für Wirtschaftswissenschaftler liegt ein Hauptproblem darin, dass es unmöglich ist die genauen Auswirkungen des Programms der Front National zu bemessen. In der Tat ist es gänzlich unmöglich, die Kosten eines solchen Austritts zu quantifizieren, da ein solches "Black Swan"-Event in der modernen Geschichte noch nie stattgefunden hat. Hier geht es nicht nur um einen zweiten Brexit, sondern möglicherweise um sehr viel mehr.

Wiederum sicher ist, dass der Ausstieg aus der EU eine Umwandlung der Staatsschulden in den neuen Franc bedeutet. Hierbei geht es nicht nur darum, wie mit den Staatsschulden, sondern auch mit privater Auslandsverschuldung von Haushalten und Unternehmen, welche beinahe 150% des Bruttoinlandsproduktes beträgt, umgegangen wird.

Es ist denkbar dass sich die dahinterstehenden ausländischen Gläubiger nicht auf einen Abschlag mit wertloser Währung einlassen werden, was wiederum viele internationale Klageerhebungen nach sich ziehen wird - all dies ist dem Kapitalfluss in das Land nicht gerade zuträglich.

Le Pen plant im Falle ihres Sieges ein EU-Referendum einzuberufen, welches Panik unter französischen Banken ausrufen könnte, da damit gerechnet werden muss, dass deren Kunden in großem Rahmen ihr Euro-Guthaben abheben wollen werden. Dass das Bankensystem darunter massiv zu leiden hätte, ist abzusehen.

Die Auswirkungen auf die Finanzmärkte

Diese Probleme sind nicht Teil der Brexit-Folgen, da sich das GBP als Währung nicht verändert. Im Falle eines "Frexit" würde das Land jedoch vom Euro auf eine neue Währung wechseln, was zusätzliche Unsicherheit mit sich bringt. Sollte Le Pen die Wahl gewinnen, würde dies zweifellos Folgen für den Euro als Währung haben.

Auch wenn Le Pens Wahlsieg alles andere als gewiss ist, gehen die Märkte keine Risiken ein. Es hat auch niemand damit gerechnet, dass der Brexit geschehen, oder Trump gewinnen würde… und Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Im Falle eines Le Pen-Sieges ist mit einem Anstieg der französischen Kapitalmarktzinsen zu rechnen, in Widerspiegelung der Angst vor Devaluation. Deutsche Anleihen könnten wiederum an Wert gewinnen, infolge der möglichen Kapitalflucht mit dem Euro als "sicheren Hafen".

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Quelle: Bloomberg

Französische Anleihenerträge könnten durchschießen, wenn die Anleihen infolge eines Sieges von Le Pen an Wert verlieren. Beachten Sie dabei, dass die Erträge durch den Bruttoertrag, den der Inhaber erwarten kann, definiert sind und umfassen Zinsrückzahlungen sowie der Kreditrückzahlung.


Investoren, die weniger als den originalen Wert der Anleihe bezahlen - zum Beispiel 75€ statt den ursprünglichen 80€ - machen am Ende der Haltedauer zusätzliche 5€. Man addiert die Rückzahlungen, welche identisch bleiben, und die gesamte Summe der Rückzahlung erhöht sich, sie generiert Gewinn.

Das erklärt, warum die Erträge steigen, wenn der Anleihenwert sinkt.

Für Trader, die sich gerne darauf einlassen möchten, während der französischen Wahlen zu traden und Profit aus dem drohenden "Frexit" zu schlagen, wären EUR/USD und EUR/CHF vermutlich die am besten geeigneten Währungspaare. Sollte Le Pen gewinnen, könnte die relative Schwäche zwischen Euro und den schweizer Franken (CHF) für einiges an Volatilität im Forex-Markt sorgen.

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Es ist eine starke Korrelation zwischen EUR/USD und EUR/CHF vorhanden, was bedeutet, dass die Paare dazu neigen, sich in die gleiche Richtung zu bewegen.

Sehen Sie sich die finalen Umfragen vor der Wahl an

Die letzte offizielle Umfrage vor der ersten Runde wird am Donnerstag, den 21. April veröffentlicht, da derartige Umfragen nicht am Tag vor der Wahl veröffentlicht werden dürfen. Statistisch gesehen haben solche "letzten Umfragen" vor den Wahlen einen maximalen Fehlerspielraum von 3.9% des tatsächlichen Ergebnisses. In den seltensten Fällen gibt es nach der Umfrage vom 21. April noch große Überraschungen.


Die Ergebnisse der Umfrage vom 21. April könnten durchaus bereits Volatilitäten in den Märkten verursachen. Sollten Sie vorhaben, während der Wahlen zu traden so empfehlen wir dringend, unsere Volatility Protection-Werkzeuge zu nutzen.

Abschließend

Für mich sieht es so aus, als würde die ganze Marktsituation von der einen Frage abhängen: Le Pen oder nicht Le Pen.

Sollte sie die Wahl gewinnen, wird die EU-Leitung ins Trudeln geraten und der Euro zumindest kurzzeitig in den Sinkflug gehen. Sollte sie verlieren, wird alles so ziemlich beim alten bleiben - "Business as usual". In diesem Fall rechne ich eventuell mit einem kurzen Anstieg, bevor der Euro wieder zurück sinkt und möglicherweise noch weiter absackt.

Langzeitlich betrachtet würde der Sieg Le Pen's eine sanfte Landung für die EU einläuten. Sie wird so oder so irgendwann auseinanderfallen, und ein Klaps ins Gesicht jetzt würde die Führung dazu bewegen, ihre Bestrebungen jetzt zu überdenken, bevor es zu spät ist. Die Niederlage für Le Pen würde die EU-Leitung in ihrer Rhetorik bestätigen, und somit später für einen umso härteren Aufschlag sorgen.

Ein Sieg für Macron oder Fillon sollte die Stabilität in der Eurozone bestärken. Was, wenn die Umfragen genauso daneben liegen, wie beim Brexit und Trump? Sollte Fillon es in die zweite Runde schaffen, wird der Euro mit großen Erwartungen an die zweite Wahlrunde einen Aufschwung erleben.


Ich persönlich glaube nicht, dass einer der Präsidentschaftskandidaten die Antwort auf die Probleme des Landes parat hat. Aber eines ist sicher - diese Wahl wird ein Wendepunkt für Frankreich werden.

Cheers und sicheres Trading,

Nenad